„Wohin fließt die Beke?“

Landschaftsgeschichte

Renaturierung der Beke in Paderborn-Marienloh (Foto: Tsungamg, CC-BY-SA)

Wenn man von Marienloh nach Osten schaut, sieht man, wie die Paderborner-Hochfläche so allmählich von 135 m auf 330 m ansteigt. Tiefliegende Wolken kann man manchmal sich hier erleichtern sehen, um dann über die Hochfläche und das dahinter in zweiter Reihe liegende nicht sichtbare Eggegebirge weiterzuziehen. Und trotzdem sucht man hier munter fließende Bäche vergebens. Während auf der Ostseite der Egge auf einer Strecke von 5 km zwischen Kempen und Altenbeken über 30 Quellen zu zählen sind, sind auf der Seite zu Altenbeken, Neuenbeken, Marienloh gerade mal 4 Bäche, die in der Regel gar kein Wasser führen, obwohl es hier mehr regnet als auf der anderen Seite.

Das fiel auch Johannes Gigas, dem Leibarzt des Bischofs von Münster auf. Als Universalgelehrter beschäftigte er sich nebenbei als Kartograph und brachte 1620 u.a. eine Karte des Bistums Paderborn heraus, auf der gut zu erkennen ist, wie die Beke bei Neuenbeken endet und südlich von Marienloh ein Bach ohne Namen eingezeichnet ist. Im Begleitschreiben erwähnt er den „Bulderborn bei Olden Beekem, der mal fließt wie ein Meer und mal nicht. Und es gäbe in dem Bereich verschiedene Flüsse, die verschwinden und anderswo erscheinen, wie man glaubt”.

Ausschnitt aus: Karte des Fürstbistums Paderborn von Johannes Gigas (um 1620)

Der Grund für das Versickern der Bäche ist die Karstlandschaft. In Stufen liegen hier Kalkbänke über Mergel, oben Turon- und unten Cenomankalke. An den Westhängen der Egge entspringen die Steinbeke, die Durbeke, der Sagebach, der Bollerborn und weiter südlich bei Buke die Beke. Das abfließende Wasser hält sich zunächst über seine eigenen Anschwemmungen und verliert sich dann unterschiedlich schnell im klüftigen Kalkgestein. Die Steinbeke führt nur bei Starkregen kurzzeitig Wasser und ist eigentlich immer trocken und im oberen Teil gleichzeitig Forstweg. Die Durbeke fließt immerhin dauerhaft einige 100 Meter und manchmal schafft sie es auch bis zur Beke, wenn auch nur für wenige Tage oder Wochen. 

Ein typisches Bild der Durbeke: Das wasserleere Steinbett der Durbeke (bdk, CC-BY-SA)

Sagebach, Bollerborn und Beke haben in der Regel immer Wasser und innerhalb Altenbeken macht die Beke Ihrem Namen alle Ehre Die Bezeichnung Beke leitet sich von Bike gleich Bach ab. Doch mit dem Durchfließen bis Marienloh zur Lippe tut sie sich schwer, da muss es schon überdurchschnittlich viel und lange regnen. Schon kurz hinter dem großen Viadukt hat sie nach 8 Wochen ohne Regen nur noch 70 cbm, an der Grenze Altenbeken- Neuenbeken noch 10 cbm und beim Feuerwehrhaus Neuenbeken noch 4 cbm/min und in Neuenbeken Mitte gibt es nichts mehr zu messen. Diese Messungen hat man um 1900 öfter gemacht. Dann mussten die Schwalglöcher[1] verschlossen werden, damit die Bauern Wasser für ihr Vieh und die Pumpstation Wasser für die Dampfloks im Paderborner Bahnhof hatten. An der Bekefurt beim Hof Pelizäus im Ortskern von Neuenbeken befand sich ein Stein, den der Eisenbahner „Setters Johann“ ständig im Auge hatte. Wenn der Stein bei Niedrigwasser auftauchte und die Bauern zum Handeln aufforderte, wurden die Schwalglöcher mit Grassoden bzw. Schlehdornzweigen und Lehm verstopft und laufend kontrolliert. Um das Versickern des Wassers zu verhindern, wurden 1880 in Neuenbeken Teile des Bachbettes gepflastert und später Betongerinne eingebaut. 

Nahaufnahme eines Schwalglochs (Foto: Bernd Thesing)

Kurz vor 1900 hatte sich Hans Stille, einer der bedeutendsten Geologen des 20. Jahrhunderts, mit der Geologie des südlichen Eggegebirges beschäftigt und erfahren, dass praktische Versuche gezeigt hätten: Flachs in Dahl in Schwalglöchern des Ellenbaches geschüttet kam in 3 Tagen in der Pader wieder zu Tage und Häcksel unterhalb Neuenbeken in die Beke geschüttet zeigte sich dagegen in der Lippequelle wieder. Er machte daraufhin Färbeversuche mit Uraninkali, das noch bei sechsmillionfacher Verdünnung Wasser grün färbt. 8 Färbestellen in Ellerbach und Sauer konnte er verschiedenen Paderquellen zuordnen. Zwei weitere Färbeversuche in Sauer und Altenau bei Atteln wiesen hier auf den unterirdischen Verlauf des Wassers nach Salzkotten hin. Eine Verfärbung der Lippequelle erwähnt Stille in seiner 1903 erschienenen Arbeit nicht. 

Färbeversuche in der Beke hat Hans Stille nicht gemacht. Er verglich die Temperaturschwankungen der Paderquellen mit denen der Quellen nordöstlich von Paderborn im Dörnerholz und stellte fest, dass die letzteren stärkere Schwankungen und somit eine kürzere Verweildauer unter Tage hatten, also eine kürzere Wegstrecke gehabt haben müssen, und zog daraus den Schluss, dass sie somit nur aus den Versickerungen der Beke stammen können. 

In ziemlich gerader Linie verläuft von Paderborn nach Schwaney die Wasserscheide (auf der Zeichnung „Gewässerkarte“ die untere Umrandung). Zur damaligen Zeit waren in diesem Bereich auf den Feldfluren wesentlich mehr Erdfälle zu erkennen als heute.[2] Um dem Brocksberg westlich von Schwaney herum waren allein über 40 auf den Feldern Zu sehen .Hans Stille hat aus dem überirdischen Verlauf der Erdfälle geschlossen, dass der unterirdische Wasserverlauf ähnlich sein muss. Ferner gab es vor 120 Jahren im Beketal und im Ort Neuenbeken selbst mehrere Quellen, die er mit in diese Betrachtung zog. Weiter weisen Spaltenzüge und Verwerfungen, besonders die am Jesuitenberg in der Dune daraufhin, dass das meiste Wasser aus dem Bekeeinzugbereich unterirdisch im Dörnerholz, Tausendquellen und Kresspohl und im unteren Teil der Beke selbst wieder zum Vorschein kommt.

Gewässerkarte - Gestrichelte Linien zeigen trockengefallene Bachläufe, durchgehende Linien immer fließende Bachläufe

Und doch war man viele Jahre der Meinung, dass das Wasser der Beke auch Lippe und Jordanquelle mit Wasser versorgt, wie manche Veröffentlichungen zeigen, da man sich diese starken Quellen nicht anders erklären konnte. Als ich zur Schule ging, gab es noch das Fach Heimatkunde. Unser Schulheft war der „Landschafsführer des westfälischen Heimatbundes Heft 5, 1952 „Die Paderborner Hochfläche“ von Ludwig Maasjost. Darin waren die von Hans Stille vermuteten unterirdischen Wasserläufe eingezeichnet, eine Darstellung, die dann später immer wieder verwendet wurde. 1993 wies Josef Koch, damaliger Ortsheimatpfleger von Neuenbeken, jedoch darauf hin, dass das Wasser der Beke östlich von Marienloh, Lehmkiese durchfließt und durch den Emschermergel nördlich von Paderborn und südlich an Lippspringe vorbeigeführt wird und in Richtung Marienloher Lippeauen fließt, weil der Staudruck der Lippe zu stark ist. Genaueres wäre nur durch weitere Färbungsversuche zu erfahren, so Josef Koch. 

Färbungen wurden aber erst 2007 und 2008 durch die Universitäten Bochum und Berlin durchgeführt und in einem Gutachten von Schmidt und Partner 2011 erwähnt, das mir kürzlich vom Wasserverband obere Lippe zur Verfügung gestellt wurde. Das Gutachten hatte den Zweck, ein Schutzgebiet für die Heilquellen in Lippspringe auszuweisen. Zum Verständnis der hydrologischen Verhältnisse ist es wichtig, die naturräumliche Gliederung nach Meisel aus dem Jahr 1959 zu kennen. Die Grenze zwischen der Marienloher Schotterebene (bedeckter Karst) und der Paderborner Hochfläche (unbedeckter Karst) stellt eine bedeutende hydrogeologische Trennungslinie dar. Genau an dieser Grenze (in der Zeichnung “Gewässerkarte“ die rot gezeichnete geschlängelte Linie) liegen alle Karstquellen mit dem auf der Hochfläche versickertem Wasser. Wie sich das Wasser auf die einzelnen Quellen verteilt, ist nicht geklärt. Fast die gesamte Entwässerung der Egge und der Hochfläche, also die oberirdischen Abflussspenden der Karstgerinne Strohte, Ellerbach, Beke und Sauer und der hier fallende Regen bilden „einen einzigen“ riesigen Karstgrundwasserkörper, der das Grundwasser bildet und an der Grenzlinie zum bedeckten Kalk ungeheuren Druck aufbaut, der durch die beiden Hauptventile Lippe und Paderquellen entlastet wird. In den tieferliegenden Schichten im Keuper, Muschelkalk und Buntsandstein liegen die Neubildungsgebiete der Heilquellen. Für diese Heilquellen ein Schutzgebiet auszuweisen war Aufgabe des Gutachtens Schmidt und Partner. Im April und Oktober 2002 wurden bei einem etwas höheren Mittelwasserstand an 600 Brunnen und Messstellen zeitgleich Wasserstandsmessungen durchgeführt. Das Ergebnis: Geomorphologisch liegt eine Schüsselstruktur vor, auf der die Unterwasserströmung im Bereich der Beke zunächst von Ost nach West und dann etwas nach Süden in Richtung Paderborn abbiegt. Somit kommt das Wasser der Lippe aus dem oberflächennahen Grundwasser des Zuflussgebietes südlich der Strohte und nördlich der Beke und hauptsächlich aus Steinbeke- und Durbekewasser, das an der Oberfläche so gut wie nie erscheint. 

Die 2007 durchgeführten Färbeversuche in der Beke bestätigten in etwa die historischen Versuche mit Flachs und Häcksel, die gezeigt haben sollen, dass das. Wasser der unterirdisch fließenden Beke in den Lippequellen an die Oberfläche tritt. Das lässt sich nur dadurch erklären, dass bei einem sehr hohen Grundwasserstand ungewöhnlich seltene Querverbindungen in höheren Schichten möglich sein können. Die im Sommer 2022 östlich vom Pfingststuhlgewerbegebiet wegen der Windradfundamente durchgeführten Probebohrungen zeigten ebenfalls wie das Gutachten aus dem Jahre 2002 nach südwestlich führende Grundwasserströmungen, also Richtung Paderquellen. 

Zu der Frage „Wohin fließt die Beke?“ lässt sich zusammenfassend sagen: Die unterirdisch fließende Beke tritt nur in Ausnahmefällen in die Lippequellen wieder an die Oberfläche. Ihr hauptsächlicher Verlauf ist von Ost nach West und dann südlich in Richtung Paderborn.

Renaturierung der Beke in Paderborn-Marienloh (Foto: Tsungam, CC-BY-SA)
Renaturierung der Beke in Paderborn-Marienloh (Foto: Tsungam, CC-BY-SA)

[1] Ein Schwalgloch ist eine nicht sichtbare Öffnung in der Geländeoberfläche, an der ein Gewässer abfließt und unterirdisch weiterfließt.

[2] Ein Erdfall ist eine Senke an der Erdoberfläche, die durch das Einbrechen bzw. Nachbrechen nicht wasserlöslicher Deckschichten über einem natürlichen Hohlraum im Untergrund entsteht.

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Der nebenstehende Beitrag „Wohin fließt die Beke?“ von Dr. Rolf Mertens erschien im Heimatbrief Marienloh Nr. 128. Darin geht der Autor der Frage nach, ob das Wasser der Beke unterirdisch zu den Lippequellen oder zu den Paderquellen fließt. Sollten Sie weiteres Interesse an den unterirdischen Wasserläufen der Paderborner Hochfläche haben, empfehlen wir Ihnen, den Beitrag (PDF-Datei) im Original herunterzuladen.

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