Die offene „Curanstalt Inselbad bei Paderborn“ (1857-1878)

Handel & Verkehr & Dienstleistungen

Werbeanzeige aus: „Curanstalt Inselbad“ 1879, in: Berliner klinische Wochenschrift
16 (1879), S. 331 (Dokumentation J. VÖLKEL/ P. E. FÄßLER: Die Ottilienquelle, das Inselbad und die „Curanstalt Inselbad bei Paderborn“, Paderborn 2014, S. 21)

Über die Entwicklung während der frühen 1850er Jahren wissen die Quellen wenig zuberichten. Vermutlich lief der Bade und Heilbetrieb auf bescheidenem Niveau weiter. Schließlich aber fand sich mit dem Dortmunder Kommerzienrat Friedrich Wiesehahn doch ein finanzkräftiger Investor. Offenbar hatten ihn mehrere erfolgreiche Kuraufenthalte seiner lungenkranken Gattin Ottilie von der Heilkraft der Quellen überzeugt und bei ihm den Entschluss reifen lassen, das Inselbad zu erwerben und zu einem profitablen Kurbetrieb auszubauen eine in der damaligen Zeit weit verbreitete Geschäftsidee. Wiesehahn setzte sein Projekt in vier Schritten um.

Erstens erwarb er das Grundstück am 10. Mai 1856. Zudem erweiterte er durch Zukauf von rund 10 Morgen Land, welches zwischen der Pader und der Rothe gelegen war und der Stadt Paderborn gehörte, das gesamte Grundstück auf 16 Morgen.[1] Die alten Gebäude ließ Wiesehahn abreißen und ein neues Kurhaus, eine Kolonnade und ein einstöckiges Badehaus errichten. Nunmehr konnten auch warme Bäder und zusätzliche balneologische Maßnahmen verabreicht werden, was mit Blick auf die Wettbewerber in Lippspringe, Meinberg und Driburg eine notwendige Angebotserweiterung darstellte. Neben der Ottilienquelle wurden noch die Marien und Badequelle für den Heilbetrieb genutzt.

Zweitens stellte er qualifiziertes Personal ein. Mit Johann Conrad Hörling (1819-1883) als verantwortlichem Badearzt verfügte die Curanstalt nicht nur über einen erfahrenen, sondern auch publizistisch rührigen Mediziner. Drittens sorgte Wiesehahn für ein effizientes Marketing bezogen auf die medizinisch therapeutischen Qualitäten seiner Einrichtung. Um den Bekanntheitsgrad und das überregionale fachliche Ansehen zu stärken, beauftragte sein Verwalter H. Becker den renommierten Heidelberger Chemiker Professor Ludwig Carius mit einer neuerlichen chemischen Analyse, die 1866 in der seinerzeit führenden Fachzeitschrift publiziert wurde.[2] Untersuchungen des Leipziger Chemikers Ernst von Meyer aus dem Jahre 1873 untermauerten die hervorragende Qualität des Ottilienquellwassers.[3] Auch dass Wiesehahn die zentrale Quelle zu Ehren seiner Gattin „Ottilienquelle“ nannte, dürfte keineswegs nur Ausdruck persönlicher Zuneigung gewesen sein. Wahrscheinlich kamen ökonomische Marketingüberlegungen hinzu, weckte der Name bei den Zeitgenossen schließlich Assoziationen an die heilige und heilkundige Ottilie. Viertens sorgte Wiesehahn für ein abwechslungsreiches Kurangebot mit Konzerten, Freizeitbetätigung u. a. m.

Nach rund einjähriger Um und Ausbauarbeiten fand die offizielle Eröffnung zum Saisonbeginn am 21. Mai 1857 statt. Tatsächlich lockte das Sanatorium in den kommenden Jahren zahlreiche Gäste außerhalb der Region an, wobei die Saison weiterhin auf die Monate zwischen Mai und September beschränkt blieb. Allerdings litt die „Curanstalt Inselbad“ erheblich darunter, dass sie als offene Einrichtung auch der einheimischen Bevölkerung zugänglich war. Die vergnügungslustigen Paderborner Besucher rauchten, sprachen wohl auch dem Alkohol zu und belästigten die ebenso ruhe wie erholungsbedürftigen auswärtigen Kurgäste. Offenkundig mehrten sich die Konflikte und auf lange Sicht waren solche Verhältnisse einem reibungslosen Kurbetrieb abträglich. Es ist zu vermuten, dass Friedrich Wiesehahn im Jahre 1876 nicht nur aus Altersgründen, sondern auch wegen der ständigen Auseinandersetzungen mit der Paderborner Bevölkerung das Inselbad an den Holzhändler Bäumer aus Lünen bei Dortmund verkaufte. Dieser setzte dem bislang einstöckigen Badehaus ein zweites Stockwerk oben drauf und errichtete ein Konzerthaus im Park. Ansonsten aber scheint er vom balneologischen Kurbetrieb wenig verstanden zu haben. Sein Nachfolger Dr. Brügelmann klagte jedenfalls über den katastrophalen baulichen Zustand der Einrichtung, über ungeeignetes Personal und den schlechten Ruf als Sanatorium.

 
 

[1] Rund 4 ha.


[2] Carius, Georg Ludwig: Untersuchung der Mineralquellen des Inselbades bei Paderborn. In: Justus
Liebigs Annalen der Chemie 137 (1866) 1, S. 106 113.


[3] Meyer, Ernst von: Über die Quellengase des Inselbades (bei Paderborn) und deren Verwendung bei
Inhalation. In: Journal für praktische Chemie (NF), 7 (1873) 1, S. 181 190. Meyer, Ernst von: Ueber die
Beschaffenheit des im Inselbad bei Paderborn zur Inhalation gebrachten Gases. In: Journal für Praktische
Chemie (NF), 6 (1873) 1, S. 360 367.

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Dies ist ein Auszug aus einem Aufsatz der Historikerin Jana Völkel und des Historikers Prof. Dr. Peter Fäßler. Der Originaltitel des Aufsatzes lautet: "Die Ottilienquelle, das Inselbad und die 'Curanstalt Inselbad bei Paderborn'. Eine Dokumentation". Sollten Sie weiteres Interesse an der Historischen Entwicklung der "Curanstalt Inselbad Paderborn" haben, empfehlen wir Ihnen den vollständigen Aufsatz (PDF-Datei) herunterzuladen.

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